Leseprobe



„Schwöre Falun Gong ab, jetzt! Warum glaubst du, bringen wir die Leute hierher?“
„Damit sie ihre Schuld gestehen?“
„Nein, das ist nicht der Grund. Überleg noch einmal.“
„Um sie zu bestrafen?“
„Nein!“, rief der Anführer.
Seine Stimme klang jetzt völlig an­ders, er machte ein fratzenähnliches strenges Gesicht und war aufge­bracht. „Nein! Nicht nur, um ihr Geständnis zu erpressen oder um sie zu bestrafen. Soll ich dir sagen, war­um wir sie wirklich hierher gebracht haben? Um sie zu heilen! Um sie geistig gesund zu machen! Willst du dir das merken, arme kleine Xiu, dass uns keiner, den wir hierher bringen, jemals wieder verlässt, ohne geheilt worden zu sein? Die Partei interessiert sich nicht für die offene Tat. Uns kommt es ausschließlich auf den Gedanken an. Wir ver­nichten unsere Feinde nicht bloß, wir verändern sie. Verste­hst du, was ich damit meine? Schwöre ab!“
Sein Gesicht wirkte aus der Nähe riesengroß und furchtbar hässlich. In seinen Augen spiegelte sich eine leidenschaftliche Erre­gung, eine an Wahnsinn grenzende Heftigkeit. Sie er­schauerte bis ins Mark. „Warum macht man sich dann noch die Mühe, mich zu foltern“, dachte Xiu, „wenn man mich doch ohnehin töten will?“
„Du denkst“, sagte er, „da wir doch ohnehin vorhaben, dich zu vernichten, sei es doch völlig egal, was du sagst oder tust. Warum machen wir uns dann erst noch die Mühe, dich zu verhören? Das hast du doch gedacht, stimmt’s?“
Sie nickte verwirrt.
„Du störst mit deinen Gedanken das Gesamtbild. Du bist ein Makel, der ausgemerzt werden muss. Wir unterscheiden uns von den Inquisitoren der Vergangenheit, wir geben uns nicht mit unfruchtbarem Gehorsam, ja noch nicht einmal mit einer hündischen Unterwerfung zufrieden. Wenn du dich ergibst, muss es freiwillig sein. Wir wollen dich bekeh­ren, wir wollen dein innerstes Ich ergründen, wir wollen dich umformen. Wir brennen alles Böse aus dir heraus. Wir brin­gen dich auf unsere Seite, nicht dem Anschein nach, sondern aufrichtig, mit Herz und Seele. Wir machen dich zu einer von uns, bevor wir dich töten. Es ist uns unerträglich, dass ir­gendwo auf der Welt ein irriger Gedanke existiert, wie ge­heim und kraftlos er auch sein mag. Sogar im Augenblick des Todes dürfen wir keine Abweichung dulden. Du musst freiwillig zu uns kommen. Nur so kannst du sein, sein.“
Sie starrte ihn fassungslos an, fassungslos über das eben Gehörte. Sie erschauerte vor Angst. Es gab kein Entrinnen mehr. Hier wurde gerade ihr eigener Tod besprochen.
„Jeder kann noch vor der eigenen Erschießung die Rebellion im Schädel tragen. Aber wir machen das Gehirn, machen dein Gehirn erst vollkommen, bevor wir dich auslöschen. Keiner, den wir hierher bringen, widersteht uns. Am Ende ist jeder reingewaschen. Auch wenn du an deine Unschuld glaubst, werden wir dich schließlich zerbrechen. Auch du wirst ganz langsam mürbe werden, wirst winseln, kriechen, weinen und am Schluss wirst du Falun Gong abschwören. Wir machen aus dir eine leere Hülle, wenn du nicht abschwörst. Auch du wirst uns bitten, damit wir dich endlich sterben lassen, solange dein Geist nicht nach unserem Willen rein ist.“
Seine Stimme hatte zuletzt fast träumerisch geklungen. Die leidenschaftliche Erregung, die an Wahnsinn grenzen­de Verzückung stand in seinem Gesicht. Ganz langsam schüttelte Xiu den Kopf, dann immer heftiger, so als wenn sie das eben gehörte Gerede eines Wahnsinnigen, der ihr Leben in der Hand hatte und damit tun und lassen konnte, was er wollte, aus ihrem Gedächtnis schütteln wollte. Sie würde niemals abschwören! Sie wusste, dass ihr Kopfschütteln eine Beleidigung für den Anführer war, ihr Leben war jetzt zu Ende.